29.05.26 0 Kommentaarid
Sehen
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# Zum Weiterdenken

Sehen
Von Diakon Alexander von Rüden

Kürzlich stand ich in der südenglischen Hafenstadt Southampton vor einem besonderen Wandbild, einem Gemeinschaftsprojekt von „Background Bob“ und dem Street-Art-Künstler „My Dog Sighs“: Zwischen dicken farbigen Pinselstrichen ist ein riesiges Auge zu sehen. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man, dass die Pupille des Auges einen Jungen im Rollstuhl darstellt.
Dieses Bild hat mich nicht losgelassen. Vielleicht auch deshalb, weil hinter „Background Bob“ die bewegende Geschichte eines schwerkranken Jungen mit starker Behinderung steht, der in der Coronazeit begann, Bilder zu gestalten und sie durch Künstler fertigstellen zu lassen. Den Verkaufserlös spendete er einer Krankenhausstiftung.
Dort in Southampton wurde er selbst zum Mittelpunkt des besagten Kunstwerks, mitten im Auge des Betrachters. – Wie oft schauen wir Menschen an und sehen doch nicht wirklich hin? Wir nehmen wahr, was offensichtlich ist: Aussehen, Auftreten, Form, Kleidung. Aber der eigentliche Mensch bleibt uns verborgen.
In der Bibel heißt es: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ (1 Samuel 16,7) Vielleicht erinnert uns das Wandbild mit dem Auge und seiner besonderen Pupille genau daran. Jeder Mensch trägt Würde in sich, eine Geschichte, Verletzungen, Hoffnungen. Gerade die, die leicht übersehen werden oder an denen vorbeigeschaut wird, gehören eigentlich mitten ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit.
Das Auge an der Hauswand wurde für mich zu einem Spiegel. Wen sehe ich? Wen übersehe ich? Und wer sieht eigentlich mich – mit allem, was ich bin?
Vielleicht ist die wichtigste Art des Sehens die mit dem Herzen; die, bei der ein Mensch spürt: Ich bin gemeint. Ich werde gesehen.
Alexander von Rüden ist Diakon im katholischen Pastoralverbund St. Heimerad.
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